Pflegende Angehörige und Einsamkeit: Wenn man nie allein ist und sich trotzdem allein fühlt

Pflegende Angehörige und Einsamkeit: Wenn man nie allein ist und sich trotzdem allein fühlt

Wer an Einsamkeit denkt, stellt sich häufig einen Menschen vor, der alleine zu Hause sitzt und kaum Kontakte hat.

Doch Einsamkeit hat viele Gesichter.

Eines davon begegnet mir in meiner Arbeit immer wieder: die Einsamkeit pflegender Angehöriger.

Diese Menschen sind häufig rund um die Uhr mit einem anderen Menschen verbunden. Sie organisieren Medikamente und Arzttermine, helfen beim Waschen und Anziehen, erledigen Einkäufe, kochen, kümmern sich um Behördenangelegenheiten und sind Ansprechpartner für unzählige Fragen.

Und trotzdem können sie sich sehr allein fühlen.

pastedGraphic.png

Warum Pflege einsam machen kann

 

Pflege verändert den Alltag oft schleichend.

Am Anfang wird vielleicht nur beim Einkaufen geholfen. Später kommen Arzttermine hinzu. Dann Medikamente, Körperpflege, nächtliche Unterstützung oder die ständige Sorge, ob etwas passieren könnte.

Der eigene Handlungsspielraum wird immer kleiner.

Ein Treffen mit Freunden wird abgesagt, weil der Angehörige nicht allein bleiben kann.

Der Sportkurs fällt aus.

Ein Wochenende wegzufahren scheint unmöglich.

Selbst ein längeres Telefongespräch kann schwierig werden.

Nach und nach können Kontakte abbrechen – nicht unbedingt, weil Freunde oder Verwandte kein Interesse haben. Oft wissen Außenstehende schlicht nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollen.

Gleichzeitig fehlt der pflegenden Person häufig die Kraft, immer wieder zu erklären, wie belastend der Alltag geworden ist.

So kann ein paradoxer Zustand entstehen:

Man ist ständig mit einem anderen Menschen zusammen und fühlt sich dennoch immer einsamer.

pastedGraphic.png

Der langsame Abschied

 

Besonders belastend kann Pflege werden, wenn sich der geliebte Mensch durch eine schwere Erkrankung oder Demenz zunehmend verändert.

Der Mensch ist noch da.

Und gleichzeitig verändert sich etwas Grundlegendes.

Gemeinsame Gespräche werden schwieriger. Erinnerungen verschwinden. Rollen verändern sich. Aus einer Partnerschaft kann immer stärker eine Pflegebeziehung werden. Kinder erleben ihre Eltern plötzlich als hilfsbedürftig.

Für viele beginnt eine Form von Trauer lange vor dem eigentlichen Abschied.

Diese Gefühle sind nicht immer leicht auszusprechen.

Denn wie erklärt man anderen, dass man um jemanden trauert, der noch lebt?

Auch deshalb bleiben viele pflegende Angehörige mit ihren Gedanken allein.

pastedGraphic.png

Warum „Du machst das großartig“ manchmal nicht genügt

 

Pflegende Angehörige erfahren durchaus Anerkennung.

„Du machst das wirklich toll.“

„Deine Mutter kann froh sein, dich zu haben.“

„Ich bewundere, wie du das schaffst.“

Solche Sätze können guttun.

Doch manchmal entsteht dadurch gleichzeitig ein zusätzlicher Druck.

Denn wer immer wieder hört, wie stark er oder sie ist, traut sich vielleicht irgendwann nicht mehr zu sagen:

„Ich bin erschöpft.“

„Ich bin wütend.“

„Ich möchte manchmal einfach weg.“

„Ich habe Angst.“

Auch diese Gedanken dürfen vorhanden sein.

Ein Mensch kann jemanden von Herzen lieben und trotzdem unter der Pflegesituation leiden.

Beides kann gleichzeitig wahr sein.

pastedGraphic.png

Was pflegenden Angehörigen helfen kann

 

Der wichtigste Schritt besteht oft darin, die eigene Belastung nicht länger ausschließlich mit sich selbst auszumachen.

Unterstützung kann sehr unterschiedlich aussehen.

 

Selbsthilfegruppen

In einer Selbsthilfegruppe treffen pflegende Angehörige Menschen, denen viele Situationen nicht erst ausführlich erklärt werden müssen.

Andere kennen die Erschöpfung, die Schuldgefühle, die Sorgen und manchmal auch die widersprüchlichen Gefühle aus eigener Erfahrung.

Allein dieses Verstandenwerden kann entlasten.

Örtliche Selbsthilfe-Kontaktstellen können häufig dabei helfen, eine passende Gruppe zu finden.

 

Pflegeberatung und Pflegestützpunkte

Viele Angehörige wissen gar nicht, welche Unterstützungsmöglichkeiten es gibt.

Pflegeberatungsstellen oder Pflegestützpunkte können dabei helfen, sich einen Überblick zu verschaffen.

Dabei kann es beispielsweise um Entlastungsmöglichkeiten, Betreuungsangebote, ambulante Dienste oder andere Hilfen im Pflegealltag gehen.

Information kann eine Form von Entlastung sein.

Denn wer seine Möglichkeiten kennt, muss nicht alles allein organisieren.

 

Gemeinden und Kirchengemeinden

Auch Gemeinden und Kirchengemeinden können wertvolle Anlaufstellen sein.

Mancherorts gibt es Besuchsdienste, Gesprächskreise, Seniorentreffs, Nachbarschaftshilfen oder ehrenamtliche Unterstützungsangebote.

Es lohnt sich, direkt nachzufragen.

Oft entstehen gerade an solchen Orten Kontakte, aus denen langfristig wieder ein kleines soziales Netz wachsen kann.

 

Hospizdienste und Trauerbegleitung

Hospizbegleitung beginnt nicht erst in den letzten Stunden eines Lebens.

Ambulante Hospizdienste unterstützen schwerkranke Menschen und häufig auch ihre Angehörigen während einer längeren Krankheitsphase.

Auch Gespräche mit Trauerbegleiterinnen und Trauerbegleitern können hilfreich sein, wenn Angehörige bereits während der Pflege Abschied, Verlust oder große Veränderungen erleben.

 

Familie und Freunde konkret um Hilfe bitten

Viele Menschen würden gerne helfen, wissen aber nicht wie.

Die Frage „Soll ich irgendetwas tun?“ führt deshalb oft zu keiner wirklichen Entlastung.

Hilfreicher können konkrete Bitten sein:

„Kannst du am Mittwoch zwei Stunden bei meiner Mutter bleiben?“

„Könntest du mir beim Einkaufen etwas mitbringen?“

„Hast du einmal in der Woche Zeit für einen Spaziergang mit mir?“

„Kann ich dich anrufen, wenn ich einfach jemanden zum Reden brauche?“

Hilfe anzunehmen fällt vielen Menschen schwer.

Doch niemand ist dafür gemacht, dauerhaft alles alleine zu tragen.

pastedGraphic.png

Kleine Inseln im Alltag schaffen

 

Nicht jede Entlastung muss ein großer freier Tag sein.

Gerade in intensiven Pflegephasen können kleine Momente wichtig werden.

Zehn Minuten auf dem Balkon.

Ein kurzer Spaziergang.

Eine Tasse Kaffee mit einer Freundin.

Musik hören.

Ein Telefonat.

Ein Treffen in einer Selbsthilfegruppe.

Diese Momente lösen die Pflegesituation nicht.

Aber sie können daran erinnern:

Mein eigenes Leben ist auch noch da.

pastedGraphic.png

Auch pflegende Angehörige brauchen Fürsorge

 

Wer einen anderen Menschen pflegt, übernimmt oft enorme Verantwortung.

Doch kein Mensch kann dauerhaft nur geben.

Pflegende Angehörige brauchen deshalb mehr als Dankbarkeit.

Sie brauchen Ansprechpartner.

Sie brauchen Entlastung.

Sie brauchen Gemeinschaft.

Und sie brauchen Menschen, die nicht nur fragen, wie es dem Pflegebedürftigen geht.

Vielleicht ist die wichtigste Frage manchmal eine ganz andere:

„Wie geht es eigentlich dir?“

Wenn Sie selbst einen Angehörigen pflegen und sich zunehmend zurückgezogen, erschöpft oder einsam fühlen, versuchen Sie, einen ersten Ansprechpartner zu suchen. Das kann eine Selbsthilfegruppe, eine Pflegeberatungsstelle, ein Pflegestützpunkt, Ihre Gemeinde, eine Kirchengemeinde, ein Hospizdienst oder auch ein vertrauter Mensch sein.

Der erste Schritt muss nicht groß sein.

Manchmal beginnt Veränderung mit einem einzigen Gespräch.

Felicitas Schulze
Coach für Einsamkeit & Verbundenheit
Alltagsbegleiterin | Trauer- und Sterbebegleiterin

Related Posts
Leave a Reply

Your email address will not be published.Required fields are marked *